Avalanche

Von: Tuncer Cücenoğlu
Regie: Alice Kornitzer
Bühnenbild: Miruna Croitoru
Mit: Johanna Adam, Daniel Bucher, Daniel Plier, Emőke Boldizsár, Gyan Ross, Viviane Hravilla, Fabiola Petri, Viorel Rață, Ada Bicfalvi, Patrick Imbrescu, Fatma Mohamed-Bucher

Regieassistenz: Ștefania Bîrlea
Technische Leitung: Nicușor Văcariu
Ton: Alex Androniciuc
Licht: Neluțu Macrea
Requisite: Maria Steva
Garderobe: Elena Hărșan
Projektmanager: Daria Ciobanu
„Du darfst nicht vergessen, dass Gesetze, auch wenn sie noch so erabarmungslos scheinen, letztendlich dem Glück der Menschen dienen.“

In Tuncer Cücenoglus Stück, Avalanche, herrscht ‚Reden ist Silber, Schweigen ist Gold‘ – bis zum Äussersten. So geht es schon seit Generationen. Durch Einschüchterung und Schüren von Angst schafft das autoritäre Regime einer kleinen Bevölkerung absolute Hörigkeit herzustellen. Jede Person könnte jederzeit den Tod aller auslösen und somit ist jegliche Hinterfragung von Gesetzen und Traditionen unterbunden. 

Doch in einer Familie, die ihr bestest tut alles richtig zu machen, fangen an Entscheidungen und Handlungen sich zu überschlagen mit möglicherweise tödlichen Konsequenzen. Familienbeziehungen und Loyalitäten werden schnell über den Haufen geworfen, um den Anschein des ‚guten Bürgers‘ zu bewahren. Wie weit kann das gehen, bis der Punkt des Widerstandes erreicht ist, weil die Liebe zur Familie dann doch stärker ist als jedes Gesetz und jede Tradition? 

Mit satirischem Blick und Humor bescheint Cücenoglu die Absurditäten des Alltaglebens von Menschen, die in Unterdrückung (über)leben. Logische Denkansätze werden durch selbsterfüllende Tautologien nichtig gemacht bis ein junges Paar sich widersetzt und möglicherweise das Schicksal aller in die Hände nimmt. 
Jedoch hat das Regime mit einer Tatsache nicht gerechnet – am Ende kommt die Wahrheit immer raus... 

Bildlich kraftvoll und stilisiert werden wir in eine Welt transportiert, die wir irgendwie kennen und gleichzeitig uns entfremdet. Denn es ist immer leichter zu denken, dass es woanders schlimmer ist, dass wir es im Vergleich ja noch gut haben. Fraglich ist, ob nur weil wir es aushalten können, das auch heißt, dass es gut ist. ‚Angst hat den schlimmsten Einfluss, verzerrt und verdreht das Denken des Menschen‘. Ferner noch, schaffen wir es immer wieder diese Angst zu relativieren, als ob wir noch Spielraum hätten. Wie ein Frosch im heiß werdenden Topf, merken wir häufig viel zu spät wie weit es um uns herum schon gekommen ist, wie das Spinnennetz sich um uns geschlossen hat. Ist das das Schicksal der Menschheit? 

Man kommt nicht umhin zu sehen und zu spüren, wie der Druck von außen und dadurch von innen steigt. Zwischen Angst und dem wenigen Freiraum, den es gibt, sich bewegend, suchen die Figuren, reduziert und mehr wie Marionetten, ihre Hoffnungen und Zugehörigkeit. Versuchen mit Witz ihre Beziehungen zu navigieren und durch den Alltag zu kommen. Doch die Fragilität der Situation erlaubt für wenig Entdeckungsraum und in der Abhängigkeit von anderen ist das ‚Selbst‘ sowieso eine reaktionäre Spiegelung des Erlaubten. Visuelle Abgrenzung zeigt die Unterschiede zwischen der Lebensumstände in der Bevölkerung und den Mitgliedern des Regimes in dieser Zweiklassengesellschaft auf. Tonal und musikalisch werden wir unablässig daran erinnert, wie fragil es sich in dieser Eiswelt lebt, während schattige und futuristisch-absurde Autoritätsfiguren den Handlungsraum wie Geier umkreisen. Ein Spannungsbogen baut sich sowohl erzählerisch wie auch auf der psychologischen Ebene bis zu dem Punkt auf, an dem alles zusammenkrachen zu scheint. 

Ein kurzweiliger Abend für Menschen mit Freiheitssinn und für alle, die spüren, dass die Dinge, so wie sind, ein wenig schief hängen. Vielschichtig erzählt, stellt die Inszenierung Fragen auf, wie, wann wir den Punkt des Widerstandes für uns selbst erreichen beziehungsweise darüber hinaus, wie gehen wir dann mit den Konsequenzen um? Wie tritt man in die Handlung, wenn handeln an sich schon lange keine Option mehr war? Schaffen wir es tatsächlich zu entscheiden in eine gemeinsame Zunkunft zu treten?
Dauer:
1h 40min
Premiere Am:21-05-2026
Department:Deutsch
Altersgrenze:Nicht für unter 14-Jährige empfohlen